Pflichten
Erbe nach islamischem Recht
Vier Stufen, feste Anteile und ein Testament, ohne das nichts davon greift.
Von Elias El-GendyAktualisiert am 5. September 20264 Min. Lesezeit
Kurz gesagt
- Vier Stufen: Beerdigung, Schulden, Vermächtnis, dann die festen Anteile.
- Schulden enden nur durch Begleichung oder Erlass. Eine Liste zu Lebzeiten ist die wichtigste Vorbereitung.
- Frei vermachen darfst du höchstens ein Drittel, und nicht an die Erben.
- Die 2:1-Regel gilt für Geschwister untereinander, nicht als Grundprinzip. Es gibt Fälle, in denen die Frau mehr erbt.
- Ohne Testament gilt in Deutschland deutsches Erbrecht, nicht das islamische.
- Der Pflichtteil bleibt auch mit Testament bestehen.
01
Vier Stufen, bevor jemand etwas erbt
Das islamische Erbrecht teilt nicht als Erstes auf. Vorher werden drei Dinge abgezogen, und zwar in dieser Reihenfolge.
- 1
Beerdigung
Die Kosten der Bestattung werden zuerst aus dem Nachlass gedeckt, angemessen und ohne Aufwand. - 2
Schulden
Alle offenen Verbindlichkeiten werden beglichen, gegenüber Menschen wie gegenüber Gott, etwa noch offene Zakat. Erst was danach übrig ist, wird verteilt. - 3
Das Vermächtnis, höchstens ein Drittel
Bis zu einem Drittel darf frei vermacht werden, etwa an eine Einrichtung oder an jemanden, der ohnehin nichts erben würde. Mehr als ein Drittel geht nicht, und an die gesetzlichen Erben darf auf diesem Weg nichts zusätzlich fließen. - 4
Die festen Anteile
Erst der Rest wird nach festen Anteilen verteilt. Diese Anteile stehen weitgehend fest und sind nicht Verhandlungssache.
02
Schulden: der Punkt, den man zu Lebzeiten regelt
Sind Schulden mit dem Tod nicht ohnehin erledigt?
Weltlich vielleicht, aber nicht in der Sache. Nach islamischer Auffassung enden Schulden nur auf zwei Wegen: Sie werden bezahlt, oder derjenige, dem sie geschuldet werden, erlässt sie. Sonst bleiben sie. Eine deutsche Restschuldbefreiung nach einer Insolvenz nimmt dir die Verpflichtung vor dem Gericht, nicht die vor dem, dem du das Geld schuldest.
Wie ernst das genommen wird, zeigt eine bekannte Überlieferung: Selbst dem, der auf dem Weg Gottes fällt, werde alles vergeben, mit Ausnahme seiner Schulden. Deshalb ist die wichtigste Vorbereitung nicht das Testament, sondern eine ehrliche Liste dessen, was noch offen ist.
03
Die häufigsten Anteile, vereinfacht
Die folgende Übersicht deckt den Normalfall ab: eine Familie mit Ehepartner, Kindern und gegebenenfalls lebenden Eltern. Sie ist bewusst vereinfacht und ersetzt keine Einzelfallprüfung.
| Wer | In welchem Fall | Anteil |
|---|---|---|
| Ehefrau | mit Kindern | 1/8 |
| Ehefrau | ohne Kinder | 1/4 |
| Ehemann | mit Kindern | 1/4 |
| Ehemann | ohne Kinder | 1/2 |
| Mutter | mit Kindern oder mehreren Geschwistern | 1/6 |
| Mutter | sonst | 1/3 |
| Vater | mit Kindern | 1/6 |
| Vater | ohne Kinder | 1/6 und der verbleibende Rest |
| Eine Tochter, keine Söhne | allein | 1/2 |
| Zwei oder mehr Töchter, keine Söhne | zusammen | 2/3 zu gleichen Teilen |
| Söhne und Töchter zusammen | sie teilen den Rest | Sohn doppelt so viel wie Tochter |
04
Das Missverständnis mit dem doppelten Anteil
Bekommt ein Mann im islamischen Erbrecht nicht immer doppelt so viel wie eine Frau?
Nein, und das ist wahrscheinlich das verbreitetste Missverständnis zu diesem Thema. Die Regel, dass ein Sohn doppelt so viel bekommt wie eine Tochter, gilt für Geschwister auf derselben Ebene, also für Söhne und Töchter, die gemeinsam den Rest teilen. Sie ist nicht das Grundprinzip des ganzen Erbrechts. Ein Gelehrter in Ägypten hat neun verschiedene Konstellationen gezählt, in denen eine Frau mehr erbt als ein Mann im selben Erbfall.
Eine Konstellation, in der die Tochter mehr bekommt als der Vater
Der Verstorbene war unverheiratet und hinterlässt eine Tochter, dazu leben beide Eltern. Solche Fälle sind nicht exotisch, sie kommen ständig vor.
Tochter: 1/2
Mutter: 1/6
Vater: 1/6 plus den verbleibenden Rest, also 1/3
Die Tochter bekommt die Hälfte, der Vater ein Drittel.
Und wo die 2:1-Regel gilt, hängt sie an einer Pflicht. Nach klassischer Lehre trägt der Mann den Unterhalt für Frau und Familie, die Frau nicht. Was sie erbt, gehört ihr allein und muss für niemanden ausgegeben werden. Der Anteil ist also an eine Verpflichtung gekoppelt, nicht an den Wert der Person. Über die Einordnung dieser Regel wird heute diskutiert, an ihrem Bestand ändert das nichts.
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Warum das in Deutschland nicht von selbst gilt
Das ist der wichtigste Punkt des ganzen Beitrags. Wer nichts regelt, hinterlässt eine Aufteilung, die er selbst nicht gewollt hätte.
Seit 2015 richtet sich das anwendbare Erbrecht in der EU grundsätzlich nach dem gewöhnlichen Aufenthalt. Wer in Deutschland lebt, fällt damit unter deutsches Recht. Wer eine andere Staatsangehörigkeit hat, kann in einem Testament ausdrücklich das Recht seines Heimatstaats wählen. Das ist die sogenannte Rechtswahl.
Der Pflichtteil bleibt. Auch mit Testament haben Kinder, Ehepartner und unter Umständen Eltern nach deutschem Recht einen Anspruch auf den Pflichtteil, also die Hälfte des gesetzlichen Erbteils. Dieser Anspruch lässt sich nicht einfach ausschließen. Wer nach islamischen Anteilen verteilen will, muss das mitdenken, sonst wird die Aufteilung später angefochten.
Was das praktisch heißt: Ein Testament ist keine Formalität, sondern die Voraussetzung dafür, dass überhaupt etwas nach islamischen Regeln laufen kann. Ein handschriftliches Testament muss vollständig eigenhändig geschrieben, mit Ort und Datum versehen und unterschrieben sein. Sicherer ist der Gang zum Notar, besonders bei Immobilien, Betriebsvermögen oder Kindern aus mehreren Ehen.
Sinnvoll ist, beides zu holen: einen Gelehrten für die Anteile und einen Notar oder Fachanwalt für Erbrecht für die Form. Wer nur eines von beiden hat, bekommt entweder ein unwirksames Testament oder eine wirksame Aufteilung, die nicht stimmt.
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Was du zu Lebzeiten regeln kannst
Erben wird einfacher, wenn vorher aufgeräumt ist. Vier Dinge kosten wenig Zeit und ersparen den Hinterbliebenen viel.
- Eine Liste, was es überhaupt gibt. Konten, Depot, Versicherungen, Immobilien, offene Forderungen. Ein Depot, von dem niemand weiß, wird zum Problem.
- Schulden aufschreiben. Auch die privaten, die nirgends stehen. Sie gehören zu Stufe zwei und werden vor jeder Verteilung beglichen.
- Offene Zakat notieren. Sie zählt zu den Verbindlichkeiten und wird aus dem Nachlass beglichen, bevor verteilt wird. Wie viel es ist, rechnet der Zakat-Rechner aus.
- Das Testament an einen Ort, an dem es gefunden wird. Beim Notar oder beim Nachlassgericht hinterlegt, nicht in einer Schublade.
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Häufig gestellte Fragen
Passt dazu
- Nisab sagt dir, ab wann Zakat überhaupt fällig wird.
- Aktienbereinigung gehört zu den Dingen, die man zu Lebzeiten erledigt.
- Ist eine Versicherung haram? behandelt die Frage nach der Absicherung der Familie.

Elias El-Gendy
Gründer von finanzmuslim, erklärt islamkonforme Finanzen für Einsteiger.
Veröffentlicht am 16. August 2026, zuletzt aktualisiert am 5. September 2026
Dieser Beitrag ist eine stark vereinfachte Übersicht zu Bildungszwecken. Er ist weder Rechtsberatung noch Fatwa und ersetzt weder einen Fachanwalt für Erbrecht oder einen Notar noch einen Gelehrten. Die genannten Anteile gelten für einfache Standardfälle; bei Enkeln, Halbgeschwistern, vorverstorbenen Kindern, mehreren Ehen oder Auslandsvermögen gelten abweichende Regeln. Zwischen den Rechtsschulen bestehen Unterschiede. Angaben zum deutschen Recht und zur Rechtswahl beruhen auf dem Stand August 2026 und können sich ändern.